Vereinbarkeit zwischen Kind, Karriere und Krankheit. Muttertagsgedanken


Vor fast genau einem Jahr habe ich meinen ersten Blogpost geschrieben. Zum Muttertag. Es ging um Vereinbarkeit von Muttersein und Karriere und dass wir Mütter uns gerne schon mal zwischen Perfektion und Ambition zerreiben. Ich hatte mich auf die Debatte der „bereuten Mutterschaft“ (#regrettingmotherhood) bezogen, es aber umgedreht in #allowingmotherhood. Uns erlauben als Mutter mal unperfekt zu sein und generell einfach mehr erlauben: Mehr Zeit für uns, mehr Wertschätzung, mehr Dinge weg lassen, die uns nur einschränken. Dieser Beitrag sollte der Start für regelmäßige Blogbeiträge werden sowie der Start für Coachingangebote für arbeitende Mütter. Ihr wisst schon, eben dieses „Kind-und-Karriere-Ding“.

Leider kam dann etwas dazwischen. Dieses sommerliche Ereignis hat dann meinen Fokus für die Coachingangebote noch mal verändert. Ich biete Beratung und Unterstützung für Krebspatienten an und habe daher auch die komplette Website neu aufgesetzt. (Deswegen kann ich auf den alten Blogbeitrag auch gar nicht mehr verlinken…).

Allerdings habe ich festgestellt, dass sich die Ideen des Coachings für Krebspatienten mit dem „Vereinbarkeitsthema“ eigentlich ganz gut kombinieren (quasi vereinbaren?) lässt.

Denn die Vereinbarkeit zwischen Kind und Karriere ist zwar trotz Fortschreiten des 21. Jahrhunderts immer noch schwierig, aber eine Vereinbarkeit zwischen Kind und Karriere und Krankheit macht die ganze Sache noch mal schwerer. Wie bekommt man diesen Spagat hin, sich als kranker Elternteil weiterhin um die Kinder zu kümmern, die Arbeit zu verrichten (zumindest bei Selbstständigen und chronisch kranken Menschen) und dennoch Körper und Geist genügend Zeit zum Heilen zu geben?

Die Wunderdroge Muttersein

Die FAZ hatte am 28. April auf dem Titelbild eine Löwenmutter mit ihren Jungen und der einfachen Überschrift „#enjoyingmotherhood“ gezeigt. In dem Artikel ging es um die Widerstandkraft von Müttern. Verhaltensforschungen hätten gezeigt, die Mutterschaft macht:

 

„smarter, wagemutiger, stressresistenter, verbessert das Gedächtnis, das räumliche Orientierungsvermögen, die Sehfähigkeit, kurzum, es ist ein Nerven-Kick, der seinesgleichen sucht.“

 

Das klingt ja fast wie eine Wunderdroge und zeigt, dass die gängigen Meinungen zur zunehmenden Vergesslichkeit mit Stichworten wie „Schwangerschaftsdemenz“ und „Stilldemenz“ wohl eher eine subjektive Einschätzung der Mütter ist. Das mit der „Sehfähigkeit“ ist mir persönlich als Brillenträgerin nun zwar wahrlich nicht aufgefallen, dennoch glaube ich, dass daran prinzipiell was dran ist. Muttersein macht widerstandsfähiger. Ich als kinderlose Frau hätte niemals am Wochenende um 7 Uhr – oder gerne noch früher – für die geforderte Kinderbewirtung und -bespaßung aufstehen können. Und schon gar nicht nach nur fünf Stunden Schlaf und womöglich Alkoholkonsum, weil man einfach mal wieder ein wenig feiern wollte. Ich könnte auch niemals Wutausbrüche – weil ich die rote statt die grüne Sprudeltablette in die Wanne beim Baden gegeben habe – (mal mehr mal weniger) gelassen überstehen. Muttersein und Elternsein macht definitiv widerstandsfähiger. Vielleicht schaffen es daher so viele Mütter und Väter Krankheiten zu überwinden, durch zu stehen oder dauerhaft damit zu leben. Vielleicht kann man nur dank dieser Widerstandskraft das Kinderwohl oft vor Schmerzen und Unwohlsein stellen. Schließlich hat man mit Kindern ein klares Ziel vor Augen: Leben.

 

Die Mutter hält dem Kind die Hand. Leben heißt Liebe

„Gebraucht werden“ darf auch mal Pausen haben.

Kinder, sowie auch Arbeit, können von der Erkrankung ablenken, einen Sinn geben und Unterstützung bieten. Das stärkt uns. Dadurch wird die Heilung gefördert und positive Energie frei gesetzt. Unabdinglich um gesund zu werden oder um mit einer chronischen Erkrankung dauerhaft zu leben.

 

Zu schnell? Zu langsam? Alles Definitionssache

Ich wurde Ende Juni operiert und der einzige Monat in dem ich keine Rechnung gestellt habe war der Juli. Ich habe knapp drei Wochen nach der Entlassung wieder Projekte umgesetzt. Im Kleinen und in Ruhe und teilweise komplett ohne Familie, da diese im Urlaub war und ich nicht mit fahren konnte. Das war in Ordnung, denn ich wurde an der Zunge operiert und nicht am Gehirn oder an meinen Fingern mit denen ich tippe. Texte und Konzepte schreiben war kein Problem und der Mittagsschlaf kam auch nicht zu kurz – es war ja ohnehin keiner da.

„Das war vielleicht zu schnell“, habe ich mir schon anhören müssen. Warum? Für wen oder was zu schnell? Es war nicht anstrengend, gut zu bewältigen und es brachte Geld ein. Zudem war die Einsatzfähigkeit eine gute Bestätigung die sich nach dem Durchgemachten sicherlich auch positiv auf die Heilung ausgewirkt hat. Ich bin also der ehemaligen Kollegin dankbar, die Ende Juli behutsam angefragt hat, ob ich eventuell Zeit und Kraft hätte, sie bei Textarbeiten zu unterstützen.

Für Genesung gibt es nun mal keine Richtwerte, eine Erkältung dauert sieben Tage oder eine Woche (zumindest bei Frauen 😉 ), bei anderen Erkrankungen kann man das nicht so genau fest machen. Gesund sein ist nun mal Definitionssache.

 

Ablenkung ist gut, darf aber nicht vom Wesentlichen ablenken: der Genesung

Ich denke, es ist wichtig die Signale von Körper und Geist wahrzunehmen. Zu erkennen, wann es an der Zeit ist, sich Ruhe zu gönnen, eine Kur oder einen Urlaub zu planen, oder sich was auch immer für Rituale und Projekte auszudenken, um Dinge zu verarbeiten. Egal wann. Ob direkt nach der Diagnose, während der Therapie, Jahre später in der Nachsorge. Es muss nur passieren, denn der Mensch ist vergesslich. Irgendwann ist alles wie immer. Das Leben funktioniert, man lebt, erzieht und arbeitet wieder wie vorher und keiner erinnert sich mehr daran, wie es war krank zu sein. Mütter werden gebraucht und erst recht arbeitende Mütter können sich keine langen Ausfälle erlauben. Bei allem positiven Einfluss die Kinder auf die Genesung haben, darf dieses „ich-werde-gebraucht-Gefühl“ keiner Aufopferung gleichen. Denn wenn die Eltern irgendwann nicht mehr können, dann ist der Familie auch nicht geholfen und das gemeinsame Leben nicht mehr zu vereinbaren. Vereinbarkeit ist nämlich mehr als nur der Spagat zwischen Familie und Arbeit. Es ist der Spagat zwischen allen Aspekten des Lebens.

Damit komme ich zurück zu meinem ersten Blogpost mit der Überschrift #allowingmotherhood aus dem letzten Jahr. Wir müssen uns erlauben krank zu sein, unsere Auszeit zu nehmen, wenn sie passt und uns erlauben „nein“ zu sagen. Wir müssen uns erlauben, für uns zu sorgen, damit Körper und Seele heilen können und es damit schlussendlich auch wirklich bei #enjoyingmotherhood bleibt.

 

Habt einen schönen sonnigen Muttertag!*

Liebe Grüße –

Katja

 

*Auch wenn ich letztes Jahr schon den Muttertag aufgegriffen habe, finde ich diesen „Ehrentag“ eigentlich total überflüssig. Von den Blumenhändlern initiiert und später von den falschen Leuten glorifiziert.

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