Out of order

Flachgelegt. Die OP und die Intensivstation


Der Name ist Programm

Der Tag vor der OP war der offizielle Sommeranfang und der Sommer kam auch ein paar Tage später mit voller Wucht. Mittags ging es los. Abfahrt in die Uniklinik, Check-in um 14 Uhr. Es roch schon so wunderbar nach Krankenhaus.

Der Stationsarzt – der als Chirurg einfach mit einem unglücklichen Nachnamen ausgestattet ist (so als ob eine PR-Beraterin mit Nachnamen „Skandal“ heißen würde) – legte mir auch umgehend den Zugang am Arm und nahm Blut ab. An dem Nachmittag war der Name auch Programm, denn das Blut floss flotter als gedacht aus dem linken Arm und das Bett war – kaum eine Stunde im Krankenhaus – mit Blut besudelt. Das kann ja heiter werden! Zwar ein sympathischer Arzt, dennoch empfehle ich dringend schnellstmöglich zu heiraten und einen neuen Namen anzunehmen und zu hoffen, dass dieser nicht „Schlachter“ lautet.

Rollkragenpullover und Rotwein

So lange ich selber laufen konnte, wollte ich so wenig Zeit wie möglich auf dem Zimmer verbringen. Daher sind wir nach dem Blut abnehmen zum klinikinternen Italiener auf einen Kaffee verschwunden, um auf den Oberarzt zu warten.

Dieser kam zum Sommeranfang im Rollkragenpullover (ich hatte glaub’ ich schon erwähnt, dass man sich furchtbar banale Dinge in eigentlich eher ernsten Situationen merkt) und seiner co-operierenden Assistenzärztin. Während meine Bettnachbarin ihren gesegneten Nachmittagsschlaf akustisch untermalte, erhielt ich letzte Informationen und die offizielle Erlaubnis an dem Abend noch ein Glas Wein trinken zu dürfen :-).

Das tat ich dann auch nach dem der weltbeste Mann nach Hause fuhr und ich dann beim erwähnten Italiener eine Lasagne reinschlunzte und mit Rotwein runterspülte. Gut, dass es Freunde gibt, die einem an so einem Abend noch ganz wunderbar Gesellschaft leisten. Es gibt bestimmt schlimmere OP-Vorabende und als ich zurück in mein Zimmer ging, war die Haupttür schon zu und die Nachtschicht am Werk. Festzuhalten bleibt dennoch: Ein Glas Rotwein ist vor so einer OP doch kein adäquates Schlafmittel!

Freunde und Rotwein erleichtern das Leben ungemein! :-)

Freunde und Rotwein erleichtern das Leben ungemein! 🙂

Nach gefühlten null Stunden Schlaf durfte ich dann Montagmorgen um 6 Uhr in mein OP-Hemdchen schlüpfen, Brille und Klamotten einschließen und blind und blass auf den Chauffeur warten.

Schleuse Nr. 11

Wie gut, dass es Beruhigungstabletten gibt, denn eigentlich konnte ich mich erst bei der 2. (wesentlich kleineren) OP wieder an Schleuse Nr. 11 erinnern. Aber mir fiel dann wieder ein, dass ich an dem Tag noch dachte, dass die 11 ja meine Lieblingszahl und somit diese Schleuse schon mal ein guter Start ist. In den Schleusen wird die Narkose vorbereitet und die Anästhesie-Teams sind wirklich sehr freundlich und aufmerksam. Sie stellen sich vor und erklären genau was sie tun werden. So richtig verstehen tut man das zwar nicht mehr alles, aber ein aufmerksames Lächeln ist ja immer schon mal viel wert. Und als es dann überall warm und ich gefragt wurde, ob ich schon was merke, habe ich tapfer „Nein“ gesagt und mich verabschiedet. Bis Dienstagmorgen.

Hey kleine Schwester, schläfst du schon?*

Ich war auf der Hochzeit meiner Schwägerin, Martins Schwester, aber irgendjemand hat mich da weg geholt. Auch eine Schwester, und zwar die betreuende Intensivschwester die den Aufwachprozess eingeleitet hat.

Offensichtlich lief ja alles gut, ich kann zumindest denken. Bewegen: nicht so. Aber sehen ging auch (soweit möglich ohne Brille) und ein doch sehr besorgt schauender Ehemann war auch anwesend. Soweit so gut. Und dann wurde ich auch umgehend von meinen Handfesseln befreit. Ich war ernsthaft angeschnallt? Beim Aufwachen habe ich offensichtlich gleich an den diversen Schläuchen rumgefummelt und da hat man mich angekettet. Gut, dass ich das nicht so richtig geschnallt hab’ mit den Schnallen an meinen Handgelenken.

Luxus-Oxinator und guter Indikator

Es waren definitiv zu viele Schläuche: zwei Drainagen am Hals, Ernährungsschlauch in der Nase, ein zentraler Venenkatheter am linken Schlüsselbein, noch der Zugang am linken Ellenbogen von Sonntag, Blasenkatheter. Bei dem ganzen Kabelgewirr habe ich dann auch immer Schwierigkeiten gehabt bei Bedarf das Kabel mit dem roten Knopf für die Schwestern zu finden! Wenigstens habe ich den Sauerstoffschlauch gleich nicht mehr benötigt – Luxus-Oxinator meinte die Schwester. Und viel wichtiger: Ich hatte keinen Luftröhrenschnitt! Angeblich bin ich nach der OP kurz aufgewacht und habe auch gefragt, ob mir dieser gesetzt wurde. War mir wohl wichtig diese Frage – daran erinnern kann ich mich allerdings nicht mehr.

Ich konnte reden. Ernsthaft. Also so einigermaßen. Wie jemand auf 3,5 Promille wahrscheinlich, aber reden. Ich habe mit dem Oberarzt gesprochen, ich fand sogar ganz schlau (guter Indikator 🙂 ) und das alles sogar mit meiner eigenen Zunge. Nur eben kürzer. Und schiefer.

Allerdings ist man nach so einer Narkose doch wie auf Drogen, denn als mein Mann mir was erzählt hat, hatte ich immer ein Déja vu und gesagt: „Aber das weiß ich doch schon!“ Auf der anderen Seite habe ich ihm erzählen wollen, was die Ärzte gesagt haben und dabei war er doch anwesend gewesen. Drogen sind dann doch nicht gut für den Kopp. Besser nochmal schlafen.

 

Mein Zimmerchen auf der Intensivstation. Mich habe mich mal rausgeschnitten :-)

Mein Zimmerchen auf der Intensivstation. Mich habe ich mal rausgeschnitten 🙂

Mittwochs ist der Wurm drin

Die Nacht war eher durchschnittlich. Wie alle Nächte auf der Intensivstation. Zu wenig Schlaf, Notfälle, einmal eine laut telefonierende Person auf dem Flur und man hat noch nicht mal die Chance aufzustehen und diese anzufauchen: „Klappe halten!“.

Mittwochmorgen startete dann mit dem Röntgen. Mit einem Typen der an mir rumrüttelte, damit die Stahlplatte unter dem Rücken passte. Dafür musste er meinen Oberkörper noch oben bewegen und zog mich klassisch unter den Achseln hoch. Dumm nur, dass er meine nicht mehr vorhandenen Halsmuskeln vergessen hat… Nach der Aufnahme lag alles durcheinander, die Schläuche zogen überall und ich war schwer genervt. Er sollte nur schnell gehen, ich würde schon alleine das Kabelgewirr in Ordnung bringen. Dem war aber nicht so. Und ich habe natürlich bei der Unordnung auch das Rufkabel für die Schwestern wieder nicht gefunden.

Gott sei Dank ist der Betreuungsschlüssel auf der Intensiv ja top und Hilfe nahte. Ein Tag im Bett und ich hatte schon die Nase voll, dass ich nicht mobil war. Na, prima. Wenn ich wenigstens hätte Lesen können. So habe ich mir eingehend angeschaut, wie die Putzfrau jeden Tag aufs Neue das Zimmer Zentimeter für Zentimeter desinfizierte. Das war ein ganz schöner Verschleiß an Handschuhen und Desinfektionstüchern. So viel wurde täglich in dem Räumchen ja gar nicht angefasst, aber ich kann mit Sicherheit sagen: Keime hatten dort null Chance.

 

Konnte die Stimmung noch sinken? Konnte sie.

Die Visite kam. Meine Stimmung war ja eh’ schon phänomenal und dann kamen sechs Menschen im Kittel und reihten sich vor mir auf. Alleine im Liegen gegen sechs die stehen fühlt sich sehr unfair an! Nach „Wie geht’s-Geplänkel“ begann die Schulstunde. Es ging um meine rechte Pupille. Keine Ahnung was mit der war, ich war heute ja noch nicht im Bad für mein Make-up gewesen! Die war wohl kleiner als die linke. „Was man da tun könne?“ war die Frage vom Oberlehrer und ein Musterschüler mit zurück gegelten Haaren und Nerdbrille hatte die tolle Lösung: Ab ins CT.

Ok, CT, kenne ich ja schon, dachte ich mir. Das machen wir dann, wenn ich wieder laufen kann. Auf Wiedersehen, die Herrschaften! Aber falsch gedacht, ich sollte umgehend ins CT. So? Mit Blasenkatheter? Das kann nicht euer Ernst sein! Und wenn man eben dann doch alleine liegend gegen sechs Stehende in den Dialog treten soll und dann auch noch die Stimme nicht funktioniert, ist die Hilflosigkeit mit voller Wucht angekommen.

Die sympathische Assistenzärztin hat dann wenigstens begriffen, dass ich mich doch sehr überrumpelt fühlte. Danke nochmal dafür! Allerdings dachte sie wahrscheinlich, dass ich Angst hätte, es wäre was Schlimmes mit meinem Auge oder Kopf. Aber soweit habe ich das Ganze gar nicht überblicken können, ich wollte einfach nicht in diesem Zustand irgendwohin gebracht werden.

„Heute ist die Psyche etwas angeknackst, das habe ich sofort gemerkt“, so Intensivschwester Eva. Genau, die Psyche wurde soeben nämlich auch – genau wie der restliche Körper – schwer flachgelegt! Das Notarzt-/Abholteam bestand zu meinem Glück zumindest auch aus lauter empathischen Damen und nach einem weiteren Rückentätscheln von Schwester Eva wurde ich dann in den Rettungswagen und ins CT verfrachtet. Das ging wenigstens alles flott von dannen, es zeigte sich nichts im CT und meine rechte Pupille ist heute noch kleiner als die linke. Das dazu. „Wenigstens wissen wir jetzt, dass alles in Ordnung ist.“ Bester PR-Sprech, damit kenne ich mich aus.

 

Arm in Arm schritten wir zur Tür hinaus

Der positive Abschluss des Tages war dann aber das erste Wanken zur Toilette und am Donnerstag ging es bewegungstechnisch schon ab! Ich bin dann mit dem Pfleger im OP-Hemd und gelben Kittel auf den Fluren der Station gewandelt. Ich denke, wir waren ein glamouröses Paar 😉

Man sieht sogar nicht die mitleidigen Blicke, sondern freut sich: Ich liege nicht mehr Bett und laufe eigenständig (also fast). Prioritäten verschieben sich ganz plötzlich. Und das obwohl ich sonst nie ohne Wimpertusche oder gar mit Jogginghose bekleidet das Haus verlassen würde!

Am Freitagmittag wurde ich dann auf Normalstation entlassen. Wer allein auf die Toilette gehen kann, der ist eindeutig zu „gesund“ für die Intensivstation. Mir war es recht.

Ich wurde die 50m von Intensiv auf Normal rübergefahren, mit einem Fahrer, der gerade angelernt wurde. Beim Reinschieben der Trage in den echt kleinen Bus, hatte ich kurzfristig Sorge, dass ich auf der Unfallchirurgie landen würde, so steil wie der die Trage aus dem Bus gezogen hat. Begrüßt wurde ich von der Schwester, die mich am Montagmorgen mit dem OP-Hemdchen (was ich IMMER noch trug …) versorgt hatte. Das war nett und dann war erst mal lange nichts. So rund 3 Stunden lang. Bis ich dann mal geklingelt habe und fragte, ob ich denn um vier Uhr endlich mal was zu „essen“ bekommen könne? Das „Frühstück“ war ja schon etwas her und ich konnte auch aus dem Bett raus schon die Kilos purzeln hören.

Schlaf wird überbewertet

Antibiotika, Schmerzmittel, Sondennahrung. Ich fühlte mich schon so vollgepumpt und wollte nicht noch ein Schlafmittel nehmen. Und so kam dann nachts die Nachtschwester rein und erschrak sich furchtbar über das Gespenst im weißen Hemdchen, dass da stocksteif auf dem Stuhl saß. Ich konnte einfach NICHT MEHR LIEGEN. Allerdings war sitzen auch Mist und irgendwann wird einem das Schlafmittel verweigert, weil man sonst den ganzen Tag müde ist. Man ist aber gut beschäftigt, wenn man im Viertelstundentakt zwischen Bett und Stuhl wechselt – vor allem bei dem angesagten Tempo.

Von nächtlichen Spaziergängen, Das perfekte Dinner mit Banane-Maracuja und der zweiten OP berichte ich dann demnächst.

Liebe Grüße – Katja

  

*Wer hat es erkannt? Ein Lied von „Selig“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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