Alles nur Kopfsache

Fast normal auf Normalstation


Ich hatte sie vorher belächelt. Diese Hocker in den Duschen. Nun kann ich sagen, dass sie doch ihre praktische Existenzberechtigung haben. Nach knapp einer Woche war ich duschen – im Sitzen. Ungewohnt, aber möglich. Was für ein Gefühl. Und man muss gar nicht den Kopf beim Haare waschen nach hinten legen. Die werden auch bei geradem Kopf sauber.

Plaudert auf mich ein

Am Samstagabend saß ich draußen auf der Bank beim Kiosk. Bis auf einen älteren Herrn, der seinen Kopf auf dem Tisch abgelegt hatte und so aussah, als ob er den Verzicht von gängigen Genußmitteln sehr bedauern würde, saß ich alleine da. Als er den Kopf hob, schaute er ganz neugierig. Oh, nein. Bitte kein Gespräch aufzwingen! Ich wurde nicht erhört. Beim Gehen sprach er mich an: „Mädchen, was ist denn mit Ihnen passiert?“ Berechtigte Frage und die habe ich ihm so gut es eben ging beantwortet. Er selber war mit einem künstlichen Luftröhrenzugang versehen, und konnte es offenbar nicht fassen, dass „so junge Mädchen“ sich mit so einer Diagnose herum schlagen müssen. Er verabschiedete sich mit den allerbesten, lebenslangen Genesungswünschen und zog kopfschüttelnd von dannen. Sah ich wirklich so erbärmlich aus?

Schon. Ein bisschen wie Frankenstein mit Rüssel. Kiefer und Hals waren eine eckige Form ohne jeglichen Konturen und mit den schwarzen Fäden sahen meine drei Narben wirklich aus wie bei Frankenstein. Meine Frisur war nur besser 🙂

Ein Ausschnitt von meinem Hals mit der Narbe mit Fäden und dem Ernährungsschlauch aus der Nase

Mein Rüssel und die Narben noch mit Fäden. Frankenstein mit Rüssel eben.

Mit der Verlegung auf die Normalstation begannen die Hitze und die Besuche. Einzige Besuchs-Bedingung: Bitte erzählt mir was, plaudert auf mich ein. Eine super Idee war dabei der geliehene iPod mit Hörspielen. Fast am Stück habe ich dann von  Sonntag auf Montag „Ich bin dann mal weg“ von Hape Kerkeling gehört. Ich hatte es ja schon gelesen, aber es in der Originalstimme von Kerkeling zu hören war nochmal um Längen besser und lustiger. Und da ich mit Nichtstun verdammt war, bin ich gedanklich auf jeden Fall jeden Meter des Jakobsweges exakt mitgelaufen.

 

Das Perfektes Dinner

Am Sonntagnachmittag kam der Oberarzt nach dem er einem Angler ein 7 cm langes Holzstück aus dem Gesicht operiert hat. Der arme Mann hat sich seinen entspannten Angelsonntag sicherlich auch anders vorgestellt.

Die Ergebnisse lagen endlich final vor. Es war definitiv ein Lymphknoten auf der rechten Seite metastasiert gewesen, aber an der Zunge wurde alles komplett entfernt. Allerdings nicht in dem gewünschten Sicherheitsabstand und so sollte ich Dienstag nochmal in den OP. Man wolle sichergehen. Das hieß ja im Umkehrschluss, dass ich den Ernährungsschlauch definitiv nicht diese Woche noch entfernt bekäme.

Dieser dusselige Rüssel hat mich echt am meisten genervt. Da fragen die Schwestern und Pfleger doch auch noch tatsächlich WAS man denn heute essen möge? Banane-Maracuja oder Zucchini-Rind? Der Schlauch geht von der Nase direkt in die Speiseröhre und ab in den Magen. Man schmeckt rein GAR NICHTS. Dennoch war mir der Gedanke zuwider Zucchini zu frühstücken und so war mein unschlagbarer Favorit Banane-Maracuja. Wenn ich am Schlauch hing, habe ich mir dann Kochsendungen angeschaut. „Das perfekte Dinner“ am Schlauch. Alles im Leben ist nur Kopfsache, richtig?

Das Perfekte Dinner mit Banane-Maracuja. Hauptsache satt.

Das Perfekte Dinner mit Banane-Maracuja. Hauptsache satt. Oder so.

Leider musste das Zeug super langsam einlaufen und so habe ich maximal 2,5 – 3 Flaschen am Tag geschafft, jeweils mit 500 kcal. Das war selbst für meine geringe Bewegung recht wenig Gesamtenergie. Am Montag hat es mich dann zweimal kreislauftechnisch umgehauen und abends habe ich dann sogar mein mühsam eingeflößtes Abendessen schön wieder von mir gegeben. Da hätte ich am Liebsten die OP für den nächsten Morgen abgesagt, sollen die doch alleine operieren, ich wäre diesmal nicht dabei.

Wenn man halt kotzen muss, ist auch einfach gleich das ganze Leben zum Kotzen.

 

Alter OP-Hase

Zumindest war ich perfekt ausgenüchtert für die Operation. Der Stationsarzt kam dann morgens um 7 Uhr mit einer Beruhigungstablette rein. „Die können Sie gerne vorher schlucken, Frau Gehrmann.“ Witzbold. Wie denn bitte schlucken? „Äh, ja, stimmt.“ Aber mörsern und über den Schlauch wollte ich die Tablette auch nicht bekommen. Ach nö. Seit letzter Woche konnte mich eine OP von knapp 1,5 Stunden nicht mehr schocken.

Und schließlich hatte es auch was Gutes, dass man nicht weggetreten war. So konnte ich viel besser die Umgebung wahrnehmen und beobachten, wie z. B. die Narkoseärztin versucht hat, „Daniel“ davon zu überzeugen, nicht auf dem OP-Tisch weiterzuschlafen, sondern erst mal ins Bett zu wechseln. Und mit Tablette wären mir bestimmt nicht die sexy tätowierten Arme des einschleusenden Pflegers aufgefallen ;-).

Und wie schon im letzten Post erwähnt, sind mir erst bei der zweiten OP bestimmte Dinge wieder eingefallen, wie z. B. die Schleuse Nr. 11 (die gleiche wie beim ersten Mal) oder auch das der Weg bis zum eigentlichen OP-Bereich noch ein ganzes Stückchen weg ist (und dass diese OP-Tische echt hart sind!).

Diesmal habe ich auch zugegeben, dass ich die Narkose merke und war massig erstaunt, dass ich im Operationssaal wieder geweckt wurde. Im ersten Moment hatte ich Sorge, dass ich zu früh aufgewacht wäre. Der Blick ging dann gleich zur Uhr – tatsächlich keine 1,5 Stunden sind vergangen. Aus dem Off hörte ich dann die Stimme vom Oberarzt:

 

„Das haben Sie ganz toll gemacht.“

 

Danke, ich hoffe ehrlich gesagt, Sie auch! Aber das konnte ich dann doch nur denken und noch nicht formulieren.

 

Mitbewohner

Bis Montagmorgen hatte ich das Privileg des Einzelzimmers, da die Station nicht zu voll war. Danach hatte ich wechselnde Bettnachbarinnen. Erstaunlicherweise fühlt man sich verbunden, man weiß halt dass diese gemeinsamen Umstände nicht gewöhnlich sind. Unterhaltungen sind aus gegebenem Anlass auch eher spärlich. Aber man kann auch non-verbal für die Zimmergenossin die Klingel drücken, wenn es ihr nicht gut geht. Außer man liegt ab Mitte der Woche in einem anderem Zimmer mit Sonnenseite (bei 38 Grad!) und einer Dame aus der Unfallchirurgie. Die haben bekanntlich ihre Verletzungen vom Hals abwärts und sind leider des Redens durchaus mächtig. Jetzt weiß ich, wie toll die Nachbarin ist und dass der ambulante Notarzt im Gallus ungünstige Öffnungszeiten hat. Thanks for sharing your life!

 

Nächtliche Wanderungen

Ich konnte nicht gut auf dem Rücken schlafen im Krankenhaus. Am Anfang hatte sich auch immer etwas Schleim im Rachen gebildet und irgendwie hatte ich Angst, dass ich beim Schlafen mich daran verschlucken könnte. Albern, ich weiß, aber nicht zu ändern. Ich schlief einfach schlecht. Schlafmittel hin oder her. Einmal war ich sogar nach 1,5 Stunden Schlaf nach Verabreichung der Schlaftablette (in flüssiger Form 🙂 ) wieder wach. Da staunte auch die Nachtschwester. Da es aber so heiß war zu der Zeit, war die Luft draußen wenigstens angenehm und ich ging spazieren. Allerdings ist auf dem Klinikgelände nachts echt nichts los, die scheinen mir im Fernsehen bei den ganzen Krankhausserien doch etwas zu übertreiben…

Zweimal ging es gut mit meinem nächtlichen Ausflug, aber beim dritten Mal öffnete sich leider nicht mehr die Seitentür automatisch und die Haupttür ist ohnehin ab 21 Uhr zu. Zu meinem Glück lag das Schwesternzimmer nahe dem Haupteingang und das Fenster war aufgrund der Hitze offen. So konnte ich mich auch mit meiner lädierten Zunge bemerkbar machen. Wurde für meinen Ausflug auch nicht ausgeschimpft ;-). Was ein gutes Stichwort ist, denn ich wollte am Ende der Woche unbedingt diesen Ernährungsschlauch loswerden, ich war mir sicher, dass ich Suppe runter kriegen würde. Aber der Stationsarzt ließ sich trotz Gequengel echt nicht überzeugen. Nein, der Oberarzt hat gesagt der Schlauch soll bis zur Entlassung drin bleiben.

 

„Ich verrate auch nichts, Ehrenwort.“

 

„Nein, sonst schimpft der Oberarzt mit mir.“ Sagt der 1,90 blonde Hüne von Stationsarzt. Wenn ich nur einmal meinen Kindern gegenüber soviel Autorität ausstrahlen würde.

Samstagmittag aber war es soweit: Ich bekam die Entlassungspapiere in die Hand (vom selben Arzt, der mir zwei Wochen zuvor Blut abgenommen hat), alle Schläuche wurden entfernt (mmh, Magensäure brennt schön in der Nase) und nach dem Besuch einer Apotheke um hochkalorische Trinknahrung zu kaufen, ging es nach Hause! Aufgrund meines operierten Halses, durfte man nicht abrupt an der Ampel anfahren, aber ansonsten fühlte ich mich ganz gut. Es war ja auch schließlich Sommer. Und was für einer.

Liebe Grüße –

Katja

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