Einmal und nie wieder? Leider nein, du f*** Rezidiv


Natürlich habe ich mir schon mal Gedanken darüber gemacht, was ich tun würde, wenn ich wüsste es hat sich ein Rezidiv gebildet. Meine Bilder im Kopf sahen so aus: Ich würde mir ein paar Fläschchen Cherry Blossom Tonic Water kaufen und mich dann an die heimische Gin-Bar begeben. Sobald die nachfolgenden Kopfschmerzen nachgelassen haben, würde ich in die Uniklinik gehen, mir eine PEG-Ernährungssonde legen und mir den Therapieplan anhören. Denn mir war klar, viel Gewicht kann ich nach einer weiteren OP nicht mehr verlieren. Soweit der „Plan“. Erstens war aufgrund der Schmerzen im Mund schon Wochen vorher nicht an Alkohol zu denken und zweitens hat auch keiner wirklich gesagt: „Bähm. Es ist ein Rezidiv“. Die Radiologie hat sogar klar geschrieben:

 

„Weiterhin kein Hinweis auf ein Lokalrezidiv.“

 

Aber es wurden eben auffällige Lymphknoten im MRT entdeckt. Diese Kombination, vergrößerte Lymphknoten und die erneute wunde Stelle im Mund, forderten eine weitere OP. Hinüber der Wunsch nach Gin mit Cherry Blossom Tonic Water und einer schicken Magensonde.

Nachdem wieder ein Urlaub storniert werden musste (die Reiserücktrittsversicherung hat sich wahrlich schon rentiert), lag ich schon wieder in Schleuse 11. Ohne Beruhigungspille mit normalen Blutdruck und Puls, soll mal einer sagen, dass Yoga und Atemübungen nichts bringen. Aber vielleicht war es auch ein Stückweit schon Routine.

Noch im Aufwachraum wurde mir mitgeteilt, dass die Lymphknoten tumorfrei waren, die Zunge aber leider nicht. Den richtigen Zeitpunkt für solche Mitteilungen gibt es ja ohnehin nie und außerdem habe ich es sowieso schon gewusst. Schon Wochen vorher. Denn ich hatte erstmalig Sorge vor der Nachsorge, ein plötzliches ungutes Gefühl in der Magengegend. Was soll ich sagen, gegen mein wissendes Bauchgefühl kann kein Arzt gegen anstinken! Heiho. Allerdings wäre es mir in diesem Fall durchaus recht gewesen, mal nicht recht gehabt zu haben…

Wiedersehen macht Freude. Oder so.

Wenig später lag ich dann wieder auf Station 11.3 mit Schlauch in der Nase, neuem terrakottafarbenen (oder ist es doch eher frisches Apricot?) Fluranstrich und durchaus bekannten Gesichtern („Sind Sie jetzt fertig mit der Ausbildung?“ „Mensch, Sie haben ja unheimlich abgenommen!“). Und einer Bettnachbarin. Diesmal haben Sie wohl keine im einigermaßen passendem Alter gefunden, naja, man kann nicht alles haben. Da sie aber nicht wie geplant operiert werden konnte (ich glaube, meine OP war u. a. der Grund…), sollte sie eigentlich bis zur erneuten OP entlassen werden. Doch sie wollte doch glatt bleiben. Freiwillig. Ich bin fast vom Glauben abgefallen. Ist das Essen etwa besser geworden? Ich konnte sie ja schon verstehen, sie hatte Schmerzen, seit Monaten und wollte es einfach hinter sich bringen, aber muss man so jammern? Ich versuche echt mich auf die verschiedensten Menschen mit ihren Emotionen einzustellen, aber jammern, jammern kann ich nicht ab. Ob mir Amazon Prime bis morgen früh Noise Reduction Kopfhörer liefern kann?

Als ich einigermaßen klar denken konnte, wollte ich, dass mein Mann angerufen wird. Da wurde mir ein Telefon in die Hand gedrückt. Auf der Station der Mundchirurgie, zwei Stunden nach der OP. Die haben echt Humor. Glauben Sie ernsthaft, dass ich telefonieren kann? Außerdem weiß ich die Scheißhandynummer nicht auswendig! Mann. Also rief ich meine Eltern an, eine der Nummern die ich verlässlich im Kopf habe, damit sie Martin anrufen konnten. Wundersamer Weise war er 5 Minuten später schon da. Er hat ab mittags schon auf dem Uniklinikgelände gewartet.

Liebe. <3

 

Und dann war es wieder soweit: Essenszeit.

Essen aus der Tüte sozusagen. Kopfhörer farblich abgestimmt zum Sondenschlauch.

Diesmal wurde ich ja nicht so auseinander genommen wie beim letzten Mal und daher war die Bewegung von Anfang an viel besser, ich konnte rumlaufen, Fensterbänke für Yoga-Dehnübungen benutzen und meinen Freundinnen beim Kaffeetrinken beim Klinik-Italiener zuschauen.

Yogamatten kann man überall ausrollen. Habe ich dann aber doch nur gemacht, als meine Bettnachbarin im OP lag

Deswegen habe ich auch die Thrombosespritzen verweigert (wurde auch genauso in der Akte vermerkt :-)), ich lief mehr rum als alle restlichen Patienten auf der Station zusammen und ganz ehrlich, diese blöden Spritzen tun sauweh und hinterlassen noch Wochen später Knubbel in der Haut bei mir. Ich weiß, ist jetzt auch Gejammer. Apropos, nach ihrer OP hat meine Bettnachbarin kaum was von sich hören lassen, das wiederum hat mich sehr beeindruckt, denn sie wurde bei ihrer Kieferoperation wahrlich handwerklich auseinander und wieder zusammen geflickt. Beim nächsten Händehalten am Bett habe ich mir das alles mal genauer angeschaut. Wenn das mit der Wiedergeburt klappt, dann werde ich doch noch Medizin studieren…

Nach 5 Tagen wurde ich schon entlassen, das war super, denn schlafen geht einfach nicht im Krankenhaus. Allerdings war damit auch der Ernährungsschlauch weg und das meine neue Zunge und der Hals (es war so weit hinten) so lange brennen würden, wurde in keinem Entlassungspapier vermerkt. Wenn selbst Trinknahrung brennt und kaum runter zu bringen ist, wird es eng mit der Kalorienversorgung. Ich habe mich dann dopen lassen und bin nochmal zur Ernährungsambulanz, die mir höher kalorische Trinknahrung verschrieben hat. Man muss sich als Patient halt einfach selber kümmern, denn sonst macht das keiner. Mit Musik und Händchen halten habe ich mir zwischenzeitlich das Zeug reingezwängt und irgendwann stellt man fest: Es ist schön, wenn der Schmerz nachlässt!

Es geht mir gut. Kann es wieder kommen? Keine Ahnung, ich esse lieber, als mich davon wahnsinnig zu machen und werde mich bald überall zum Essen einladen – gern mit Cherry Blossom Tonic Water. Seid gewappnet! Also genießt euren nächsten Kaffee, das schöne Essen, die süße Sünde. Gebt der Ernährung und dem Genießen die notwendige Aufmerksamkeit, das sind alles kleine Momente des Glücks.

Happiness is a choice.

In Dir ruht die Kraft die du brauchst.

Liebe Grüße –

Katja

 

 

 

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