Eine Ode an meine Freunde – Eine besondere Verbindung


Die Reaktionen der Freunde waren unterschiedlich. Und doch irgendwie gleich. Eine gewisse Fassungslosigkeit war zu spüren, zu hören, oder zu lesen. Eine Krankheit kam sehr nahe. Obwohl man weiß, dass jedes Jahr viele Menschen einen Tumor verschiedenster Art entwickeln, ist es doch erstaunlich wie wenig Menschen dann doch jemanden näher kennen. Zumindest jünger als 65. Und nun kannten meine Freunde und meine Familie jemanden. Und dann noch mit so einem doch eher ungewöhnlichen Tumor. An der Zunge. „Wie kriegt man das denn?“ Keine Ahnung. Nach wie vor. Zellen teilen sich halt manchmal einfach ein wenig zu schnell und dann ist nun mal nicht immer ein „Wachmann“ am Start, der wieder für Ordnung sorgt. Vielleicht war mein Körper an anderer Stelle mit der Abwehr einer Infektion beschäftigt und konnte leider an der Zunge nicht eingreifen. Passiert schon mal. Wir Menschen machen täglich Fehler, dann darf mein Körper das auch mal machen.

Man hat nicht jeden Tag Kontakt zu seinen Freunden und ich habe wahrlich nicht an alle eine lustige Rundmail geschrieben „FYI – ich habe Krebs“, aber einige wollte ich doch vorab darüber informieren. Eine liebe Freundin hatte z. B. am Vorabend der OP Geburtstag und mir war klar, ich kann ihr nicht gratulieren und dann erwähnen wo ich gerade bin. Der Hochzeitstag drei Tage vorher bot eine gute Gelegenheit sich zu melden und die übliche „Geht es euch gut-Gegenfrage“ mit „Eher nicht so“ zu beantworten. Tut mir übrigens leid, falls ich euch den Hochzeitstag versaut habe.

So haben in der Zeit zwischen Diagnose und OP auf die „Wie geht es dir?-Frage“ eben viele Freunde keine positive Antwort erhalten. Das kann passieren und sollte jedem klar sein, der diese Frage stellt. Die Antwort kann auch einfach mal „Nicht gut“ lauten.

Im Übrigen wurde prinzipiell nur die Frage „Was macht deine Bikini-Figur?“ positiv beantwortet, aber diesen Hinweis versteht jetzt eben auch nur eine Freundin. 🙂

 

Worte auf Papier

So wurden die Umarmungen fester, die Augen feuchter und der Briefkasten voller. Briefe scheinen dann doch beständiger als WhatsApps und Mails zu sein. Man hat sich eben Zeit genommen jemanden gute Wünsche zu übermitteln, eine Karte gekauft, sich hingesetzt, vielleicht länger als üblich überlegt, was man schreiben könnte. Womöglich ist man noch extra zur Post gefahren, um eine Briefmarke zu kaufen (und war erstaunt, dass die jetzt 70 Cent kostet!). Wenn Worte vom Kopf übers Handgelenkt auf das Papier fließen, sind sie offensichtlich bedeutender, unverfälschter, wertvoller.

 

Genesungswünsche per Post. Beständiger als eine WhatsApp

Genesungswünsche per Post. Ich habe sie noch alle ☺

 

Neben festeren Umarmungen und lieben Briefen war die Unterstützung und Hilfe einfach da, ungefragt und völlig selbstverständlich. Begleitungen mit ins Krankenhaus (ich sagte nur: den halben Sommertag vor der Radiologie sitzen), die Kinder nehmen, essen kochen, da sein. Hätte es sein müssen, hätten sie vor dem Operationssaal gesessen. Freunde wissen einfach was Freunde brauchen. Urlaube wurden anstatt am Meer in Frankfurt verbracht, und neben der Kinder Bespaßung war auch mein Mann abends nicht allein und wurde wahrscheinlich schon lange nicht mehr so gut bekocht wie in dieser Zeit. Ohnehin war diese Woche diejenige, in der plötzlich viele Nachbarn bis spät in der Nacht den endlich angekommenden Sommer gemeinsam auf unserer Terrasse genossen haben. Das die besten sommerlichen Terrassentreffs einfach ohne mich stattfanden, will ich jetzt mal nicht nachtragend bewerten. Schließlich war ich ja doch irgendwie dabei, denn ich war ja immerhin der eigentliche Grund. 🙂

Freunde versüßen einem auch den letzten Abend vor der OP, so dass man nicht ganz allein der Dinge harren muss, die da kommen mögen. Ein Glas Rotwein mit Freunden stärkt und erleichtert gleichzeitig und dieser besondere Abend hatte gestern Einjähriges. Während dem Deutschlandspiel saßen wir also zu dritt beim Italiener der Uniklinik Frankfurt, haben wie letztes Jahr Lasagne gegessen und Rotwein getrunken. Naja, Aperol Sprizz, denn mein letztes Glas Rotwein habe ich exakt vor einem Jahr getrunken. Essen beim Klinik-Italiener während Deutschland spielt, so was geht eben nur mit Freunden. Und nur die müssen es auch verstehen!

 

Freunde und Wein. Wir feiern "Einjähriges"

Freunde und Wein. Wir feiern „Einjähriges“

 

Ohne Worte

Freunde bzw. in diesem Fall Familie, benötigen auch nicht viel Worte. Denn am Tag der zweiten OP kam abends mein Bruder von einer Geschäftsreise auf dem Weg nach Hause in Frankfurt vorbei. Leider mit Verspätung, weil er einen Unfall auf der Autobahn hatte. Plötzlich wurde ich von der „Umsorgten“ zu der „Besorgten“. Was tun? Ich denke, ich bin ca. 20x mal im Krankenhausflur auf und abgetigert und habe gewartet. Ich habe jetzt nicht zwei OPs erfolgreich hinter mich gebracht, damit ein Vollidiot von LKW-Fahrer meinen Bruder ins Krankenhaus bringt! Hat er dann nicht, schnelle Reaktionsfähigkeit und wohl auch Glück ließen alles glimpflich ablaufen. Was für ein Tag auch für unsere Eltern: Tochter nochmal operiert, der Sohn einen Unfall. Aber es war dann Gott sei Dank nur ein Blechschaden und dank einem Mietauto konnten wir zwei Stunden später draußen auf der Bank sitzen. Ich konnte ja eh’ kaum reden, aber das brauchten wir auch nicht. Wir saßen einfach beieinander. Brüderchen und Schwesterchen. Näher als sonst.

 

Freunde besuchen einen im Krankenhaus, erzählen Geschichten, damit man nicht viel antworten muss, bringen Bücher und Geschenke und versuchen sich nicht anmerken zu lassen, wie furchtbar man aussieht. (Ist leider niemandem gelungen!) Wobei weniger die Schläuche und Narben offensichtlich erschreckt haben, sondern die Tatsache, dass man plötzlich knöcherner aussieht als vorher.

 

Und nur Freunde dürfen auch jetzt die Geht-eigentlich-gar-nicht-Frage-bei-Frauen stellen: „Hey, hast du zugenommen?“

 

Freunde (in dem Fall auch Familie) nehmen die Kinder mit in den Urlaub, da ich ja wegen der Bestrahlung nicht fahren konnte. Eltern kommen und schmeißen deinen Haushalt und bekochen dich – im Notfall hätten sie es auch für Monate getan. Freunde schreiben dir jeden Tag eine Nachricht und tun es heute noch: Jeden Tag. <3

 

Heilung von innen, außen, allen Seiten

Freunde denken an dich und ich glaube fest daran, dass diese Gedanken helfen. Einfach weil es mich freut, dass dem so ist. Eine Freundin hat auf einem Seminar meinen Namen bei einem Heilungsmantra in die Runde geworfen. Ich glaube nicht daran, dass diese Energie wirklich durch die Gegend zu mir fliegt – salopp ausgedrückt. Aber ich weiß, dass mich der Gedanke, dass eine unbekannte Gruppe von Frauen nur für mich singt, total berührt hat. In Indien hat jemand für mich gebetet, in Polen bei einer kleinen Pilgerfahrt wurde eine Kerze für mich angezündet. Da sich so was ohnehin weder beschreiben noch wissenschaftlich nachweisen lässt, belassen wir es dabei. Irgendwie ist dann wohl doch Energie geflossen.

 

Zum Ende: Ich weiß, dass es einigen auch schwer fällt, sich mit Krankheiten oder unangenehmen Themen im allgemeinen auseinanderzusetzen. Dadurch, dass ich viele Blogs lese und mich mit dem Thema Krankheit beschäftige, erfahre ich, wie viele Betroffene davon berichten, dass sich Menschen abgewendet haben oder einfach nicht mehr melden. Diese Erfahrung habe ich nicht gemacht. Ich habe es zumindest nicht gemerkt. Aber für alle die sich generell bei dem Thema nicht trauen: Denkt nur dran, es kann auch mal zu spät für Worte sein.

 

Ich schließe mit dem Wissen, dass ich einfach eine tolle Familie und wunderbare Freunde habe, und dass man über Krankheiten oder negative Erfahrungen sogar neue Freunde finden kann. Wer hätte das gedacht!

Schön, dass es euch gibt!

Eure Katja

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