Zunge Cartoon

Von weißen Flecken und Halsschmerzen – Die Diagnose


Es begann mit der Routineuntersuchung beim Arzt im Frühjahr 2013. Er hat mir prinzipiell zu viel geredet und mir ständig was verkaufen wollen, aber ein Hinweis klang ernsthaft: „Sie haben an der Zunge einen weißen Fleck, lassen Sie den bitte untersuchen.“ Da mir der Fleck auch schon aufgefallen war, ging ich zum empfohlenen Mundchirurgen. Der Befund: Leukoplakie. Leuko=weiß, plakie= geht nicht weg (freie Übersetzung). Bekommt man durch mechanische Reize, Alkohol, Zigaretten oder Bethelnuss essen. Ist harmlos. Oder ein Vorläufer von einem Tumor. Es wurde daher vorsichtshalber eine Probe entnommen und es bestätigte sich: harmlos.

 

Ein Kommen und Gehen

Der Fleck verschwand dann, brannte mal, dann nicht, kam wieder und veränderte die Form. Die Zahnärztin bemerkte im Herbst 2014 nichts auffälliges, aber als im Frühjahr 2015 dann VOR dem weißen Fleck etwas zu sehen war, habe ich mir wieder einen Termin beim Mundchirurgen geben lassen. Es gefiel mir nicht und ihm auch nicht.

Soweit so gut. Aber ich sollte nochmal zwei Wochen lang eine klebrige Kortisonhaftsalbe drauf schmieren und wenn es dann doch nicht besser geworden ist, dann würde nochmal eine Probenentnahme anstehen.

An dieser Stelle nehme ich eines vorweg: Der Oberarzt der mich nachfolgend operiert hat, sagte später:

 

„Wir hätten uns vor einem Jahr kennenlernen sollen.“

Was soll ich sagen, ich hätte Sie auch gerne früher kennengelernt, denn dann hätte mein Hals Ihr Skalpell nicht kennen lernen müssen. Nur leider sind die medizinischen Kompetenzen offensichtlich sehr unterschiedlich.

 

Arzttermine nicht verschieben

Den geplanten Termin in zwei Wochen musste ich dann aus Arbeitsgründen verschieben. Ja, so was mache ich auch nie wieder. Das einzig Gute daran: Wir konnten unwissend und somit unbehaftet in den Urlaub fahren. Dieser Urlaub war so entspannend und stärkend, als ob wir gewusst hätten, dass wir ein paar Wochen später unsere ganze Kraft brauchen werden.

Ein entspannter Urlaub in Südtirol.

Ein entspannter Urlaub in Südtirol.

Also war ich nicht zwei Wochen später nach dem Kortisongeschmiere beim Arzt, sondern erst vier Wochen später und der Blick wurde besorgter. Die Empfehlung war dann klar: Die Biopsie sollte besser in der Uniklinik durchgeführt werden, da hätte man auch schneller das Ergebnis (Im Nachhinein kann ich sagen: Das ist nicht ganz korrekt…) Der noch hinzugerufene Kollege schaute gleich nochmal trauriger drein und fragte dreimal wie alt ich denn sei und ob ich rauchen würde? 38 und nein. Beim Rausgehen tätschelte er nur meine Schulter und da war mir klar: Der Sommer 2015 wird dieses Jahr für mich ein anderer.

Danach saß ich erst mal bestimmt 15 Minuten im Auto. Nix denkend oder ganz viel denkend, dass lässt sich jetzt nicht mehr so genau rekonstruieren.

Leider konnte mir die Praxis keinen Termin in der Klinik machen, also musste ich selber anrufen. Mittwochnachmittags. Netter Versuch. Am nächsten Tag bekam ich dann einen Termin für den drauffolgenden Freitag. Im Nachhinein war die Dringlichkeit bei meinem Anruf wohl nicht durchzuhören. Mit „Ich habe da was an der Zunge“ war sicherlich nicht deutlich genug, dass es sich um den Verdacht eines Karzinoms handelt, denn dann wäre ich in die Tumorsprechstunde am Mittwoch beordert worden und nicht für freitags eingeplant gewesen.

 

Das letzte Schlemmen

So passierte auch nicht viel am Freitag, außer dass ich mit einem Termin für den nächsten Mittwoch nach Hause ging und ich auch schon Termine für ein CT und MRT in der Tasche hatte. Falls der Befund positiv sein sollte, müsste ich dann nicht noch länger auf einen Termin in der Radiologie warten. Sehr beruhigend.

So war die Zunge aber wenigstens noch einwandfrei einsetzbar und dem geplanten Dinner mit Freunden in der „Nr. 16“ in Frankfurt stand nichts im Wege. Das Restaurant ist bekannt für fantastisches sardisches Essen und enorm große Portionen. Ich habe ordentlich geschlemmt und getrunken. Für lange Zeit das letzte Mal.

 

Es war nur ein kurzer Blick

Zur Tumor-Sprechstunde fuhr ich Begleitung meiner lieben Freundin Corinna, die sicherlich angenommen hat, dass wir nach dem Termin noch Zeit für einen gemeinsamen Kaffee auf der Terrasse in der Sonne hätten. Gemeinsam schon, aber nicht auf der Terrasse. Es wurde ein langer Nachmittag in der Uniklinik (und ein teurer im Parkhaus).

Es war nur ein kurzer Blick und der Oberarzt setzte sich wieder. „Brennt es?“ „Ja.“ „Tut es beim Schlucken weh?“ „Ja, manchmal.“ Ein Nicken. „Das muss rausoperiert werden. So oder so.“ Ich hatte ja etwas Zeit vom letzten Termin am Freitag bis zum Mittwoch mich zu informieren und soviel wusste ich dann auch schon: Brennen und Schluckbeschwerden können erste Anzeichen für einen Tumor sein.

Da mittwochs ja nicht nur Tumorsprechstunde ist, sondern auch Tumorkonferenz wurden wir erst mal in die Mittagspause geschickt. Ob ich an dem Termin schon Thema war? Bei den darauffolgenden Terminen auf jeden Fall.

Auf den Schweinebraten mit Rotkohl und Klößen (ein leichtes Sommergericht) haben wir verzichtet. Es sind ja wirklich die banalen Dinge, die einem in Erinnerung bleiben, aber immer wenn ich jetzt an der Caféteria im Hauptgebäude vorbei gehe, muss ich an den winterlichen Schweinebraten im Juni denken.

 

Das Erfolgserlebnis in der Röhre

Es gab dann Sushi und für den Nachmittag einen MRT-Termin. Man hätte mich „dazwischen geschoben“. Ich sage: „hinten dran gehängt“, denn ich war der letzte Termin und um sechs Uhr dann auch endlich wieder draußen in der Sonne. Ganz entgegen der eigenen Erwartung ging es mir aber nach dem MRT-Termin richtig gut, denn 1. war dies eine Möglichkeit endlich heraus zu finden was Sache ist und 2. habe ich rund 20 Minuten still gehalten. Ich habe still gehalten und bin trotz leichtem Tinnitus bei dem Lärm und Geklopfe in der Röhre nicht ausgerastet. Kleine Erfolge können auch beschwingen. J

Am Montag sollte das MRT besprochen werden, aber es wurde stattdessen endlich die Biopsie gemacht. Damit begann dann auch die unfreiwillige Diät, denn ab da brannte jeder Bissen.

Nach dem MRT vor der Biopsie. Im Legoland. Ein sehr heißes Wochenende und ich konnte noch problemlos küssen :-)

Nach dem MRT, vor der Biopsie. Im Legoland. Ein sehr heißes Wochenende und ich konnte noch problemlos küssen 🙂

Und immer wieder mittwochs

Das Biopsie-Ergebnis solle Mittwoch vorliegen und ich anrufen. Ernsthaft? Anrufen? Bei so einem wichtigen Thema? Ich habe dann angerufen und wurde gebeten doch vorbei zu kommen. Tja, leider weiß ja schon jedes Kind, dass nur positive Nachrichten am Telefon weitergegeben werden. Die negativen müssen persönlich überbracht werden. Also fuhr ich in die Uniklinik. Wieder an einem Mittwoch. Ein Mittwoch der endgültig klar gemacht hat, dass dieser Sommer anders wird.

Alles in allem verlief es „neutral“. Ich fühlte mich neutral. Nicht total irritiert, nicht ängstlich, nicht furchtbar aufgeregt. Wir haben ein Problem, ja, und zwar einen bösartigen Tumor an der Zunge. Die Lösung: eine operative Entfernung des Tumors samt möglicher befallener Lymphknoten am Hals. „Ich werde Sie operieren, und zwar am 22. Juni,“ so der Oberarzt.

 

„OK.“

Sicherlich habe ich dann doch mehr gesagt, aber am Ende war das „OK“ das wichtigste: Ich bin einverstanden und ich vertraue Ihnen. Einfach so, mit einem „OK“.

Ja, es war keine schöne Mitteilung, aber eben auch kein filmreifes Todesurteil. Und Sorge machte mir nie „der Krebs“, sondern der zweiwöchige Krankenhausaufenthalt samt Intensivstation und Sondennahrung. Ich war schließlich noch nie im Krankenhaus gewesen und eben auch noch nie operiert worden und dann habe ich es mir gleich ganz dicke mit einer mindestens 8-stündigen OP und nachfolgender Intensivstation gegeben.

Bei den Möglichkeiten zum Wiederaufbau der Zunge – falls notwendig – habe ich dann übrigens bei der OP-Besprechung abgeschaltet. Schweinekollagen oder Haut aus meinem Handgelenk haben mich dann doch überfordert – ich würde es nach der OP schon merken. Hab‘ ich dann auch. Dazu bald mehr.

Liebe Grüße – Katja

 

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