Bauernhöfe, Bootsfahrten, Bohnenkaffee oder: #mitvaddiauftour 2


Zu viert stiegen wir in ein Großraumtaxi um in der Nähe von Elbing großelterliche Geburtsstätten anzuschauen. Oder eben was davon noch übrig ist.
Mit dem anderen „Eltern-Kind-Gespann“ (Mutter und Tochter) sind wir los und haben die Schule sowie die Taufkirche der Mutter angeschaut. Da diese bei der Flucht schon 9 Jahre alt war, konnte sie sich sogar noch gut erinnern. Die Ortschaften sind teilweise noch so klein und ursprünglich, dass man sich gut vorstellen kann, wie es wohl auch früher ausgesehen hat.

Die Kirche in Fichthorst

Die Kirche in Fichthorst

Auf dem alten Friedhof waren sogar noch ein paar deutsche Namen zu finden und ob es an der Atmosphäre lag, die nur Friedhöfe vermögen auszustrahlen, es streifte mich ein Hauch von Verstehen. Verstehen, dass es sich mal um Heimat handelte. Und das es sich bei dieser Gegend um ein besonders schönes Stück Heimat handelte. Alles strahlt Weite aus und Ursprünglichkeit, weil es nicht total eben, sondern immer wieder von Bäumen, Büschen und Bächen zerfurcht ist. Angenehm durcheinander. Natürlich. Offen.  Für jemanden wie mich, der zwar mal einige Zeit im Ausland gelebt hat, aber eben nicht aus einem anderen Land kommt, keine anderssprachigen Eltern hat und irgendwie doch nichts anderes kennt als das eigene Geburtsland, für den ist der Begriff „Heimat“ schwer zu erfassen.
Danach fuhren wir in den Geburtsort meiner Oma. Da war noch weniger los:

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Aber ein Highlight gab es doch auch hier: der niedrigste Punkt in Polen. Auf polnisch bekomme ich den Namen nicht mehr zusammen, aber früher hieß er „Unterkerbswalde“. Passt ja irgendwie!

Der tiefste Punkt in Polen und ich war da :-)

Der tiefste Punkt in Polen und ich war da 🙂

Auf dem Weg nach Frauenburg, wo unser Hotel für die nächsten vier Nächte war, hielten wir noch in Baumgart. Dort steht sogar noch eine alte Scheune von dem Hof eines Großonkels der meinem Opa diesen jenen welchen vererbt hätte. Dazu kam es halt nicht mehr. Aber was soll ich sagen: Ich bin im norddeutschen Niemandsland groß geworden, aber gegen diese einsame Gegend ist das glatter Rock’n’Roll gewesen 🙂

Neugierig? Kaum. Aufdringlich? Schon eher 

Beim Abendessen habe ich mein obligatorisches stilles Wasser bestellt und wurde direkt von meiner Tischnachbarin angesprochen, dass ich mir jetzt doch mal was gönnen solle. Ich sei ja ohnehin so dünn. (Nur rein vom Trinken nimmt man ja nun auch bekanntlich nicht zu…) Eindeutig Kriegs- bzw. Nachkriegsgeneration, Wasser war eine Notwendigkeit, aber eben kein Genuss. Wie schön, dass man um mein Wohlergehen besorgt war. Allerdings merkte man auch, dass ich ihnen irgendwie nicht koscher war, die Frau, die zum Essen keinen Alkohol trinkt. Mit zunehmenden Alter nimmt die Toleranz eindeutig nicht zu. Meine Ehrenrettung gelang mir dann durch das eine oder andere vom Busfahrer gesponserte Piccolöchen nach dem Essen 🙂

Beim Nachtisch kam dann die nächste Frage, immerhin aber mit Vorwarnung: „Darf ich Sie was privates fragen“? Ach, du Schreck, was mag nun kommen? Man hat sich offenbar Gedanken gemacht, wie die vier Personen, die gemeinsam aus dem Bus aus- und in ein Taxi eingestiegen sind, zusammen gehören. Ich könnte ja durchaus die Tochter von dem Herrn neben mir sein, dass würde man ja sehen. Dann sei die andere ältere Dame meine Oma? (Eindeutig ein Kompliment für meinen Vater!!) Aber die dunkelhaarige Frau, wie gehöre die dazu? Ich weiß nicht, ob ich mein kopfschüttelndes Erstaunen und innerlich schallendes Lachen professionell verbergen konnte, aber ich habe sie zumindest aufgeklärt. Über unsere Konstellation sowie auch über die Tatsache, dass wir uns eigentlich gar nicht kennen oder zumindest erst seit gestern. Worüber sich Menschen so Gedanken machen. Man könnte sich auch über den Weltfrieden Gedanken machen, oder zumindest über das Abendessen. Ja, oder eben darüber wie diese vier „Aussteiger“ zusammenhängen :-).
Apropos Abendessen: es gab keinen Braten, sondern die nächste polnische Spezialität: Königsberger Klopse. Hätte man auch erraten können. Und um es vorweg zu nehmen: am nächsten Abend gab es dann aber wieder Braten mit Bratensoße.

Aus nichts mach‘ neu auf altgetrimmt und die völlige Entschleunigung 

Am Tag 3 ging es nach Elbing – dort wurde mein Vater geboren.

 

Elbing

Und das war es dann auch schon an Highlights ;-). Elbing wurde ziemlich zerstört und dann komplett neu, aber auf altgetrimmt, wieder aufgebaut. Aber was echt altes (neben meinen Mitreisenden) habe ich dann doch noch gefunden:

Die Alte Post in Elbing samt (alter) Straßenbahn

Die Alte Post in Elbing samt (alter) Straßenbahn

Nachmittags haben wir eine Bootsfahrt auf dem Elbinger Kanal über die Rollberge gemacht. Das sah dann als totale Entschleunigung so aus:


Allerdings ganze 4,5 Stunden lang (wenn selbst der ältere Herr neben mir schon kommentiert: „Oh, immer noch Schilf!“) – obendrein war der Bohnenkaffee definitiv der schlechteste Kaffee den ich je getrunken habe!

 

Hansestädte und Haff 

Am nächsten Tag ging es nach Danzig – auch wieder komplett aufgebaut und einfach nur schnuckelig und schön:

Altstadt von Danzig

Altstadt von Danzig

 

Natürlich waren wir auch am „Frischen Haff“, was diese Brühe allerdings mit „frisch“ zu tun hat, weiß ich nicht. Schon gar nicht mit dem Wissen, dass es sich um eines der größten Friedhöfe überhaupt handelt. Viele, viele Menschen die über das Haff geflüchtet sind, sind dabei umgekommen und diese Dramatik zeigte sich an dem Tag auch in der Wolkenstimmung und in den traurigen Augen einer Frau, die selbst drei Tage und Nächte übers Haff geflüchtet ist.

Das Frische Haff war Fluchtweg für Tausende

Das Frische Haff war Fluchtweg für Tausende

 

Festhalten möchte ich hier nur die Worte einer Dame, die sich mit jemand anderen über die derzeitige Flüchtlingssituation unterhalten hat:

Wir hatten schon mal eine schwierige und noch härtere Zeit mit vielen Flüchtlingen und Vertriebenen. Wir müssen nun einfach mal wie damals unseren Verstand einschalten und zusammen halten, dann schaffen wir es auch allen zu helfen.

 

Dem habe ich nichts hinzuzufügen!

Entschleunigte Grüße aus Preußen –
Katja

 

Sympathische Kaffeeausgabe inklusive :-)

Sympathische Kaffeeausgabe inklusive 🙂

 

Unser Reiseveranstalter vor der Frauenburg.

Unser Reiseveranstalter vor der Frauenburg.

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